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Bessere Leistung, aber falsche Herkunft :

Schule und Bildung

Zweifel am Wert der Gutachten für individuelle Schullaufbahn / Trend zu längerem gemeinsamem Lernen gestärkt

NW vom 27.02.2010 von BERNHARD HÄNEL

Bielefeld/Düsseldorf.
222 Gesamtschulen gibt es derzeit in NRW, darunter 17 private. Drei neue Gesamtschulen starten in Bad Salzuflen, Köln und Lippstadt. Auch in OWL sind die Anmeldezahlen zu den integrativen Schulen weiter hoch. Noch liegen nicht alle Zahlen vor, doch ist bereits ein neuer Trend zu beobachten. Evangelisch-freikirchliche Gesamtschulen, etwa im Kreis Lippe, wachsen stärker als öffentliche Schulen. Vornehmlich Schüler mit russland-deutscher Herkunft werden an diesen Schulen angemeldet.

Für die Oppositionsparteien, für die Lehrerverbände GEW und VBE, für den Grundschulverband und die Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG) ist ein „Trend zum gemeinsamen längeren Lernen“ erkennbar.
Die GGG legte dazu am Freitag neue Daten vor, mit denen sie die „Fragwürdigkeit der Schulformempfehlungen der Grundschulen“ zu belegen versucht.
Die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Düsseldorf hatte das Elternwahlrecht ersetzt durch verbindliche Schulzuweisungen in der Sekundarstufe I. Zweifel können nur durch einen sogenannten Prognoseunterricht beseitigt werden.

Die Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen hat das Anmeldeverfahren 2010 genutzt, um aktuelle Daten für einen Vergleich der ausgesprochenen Grundschul-Schulempfehlungen und der mit diesen Empfehlungen verbundenen Leistungsnoten zu erheben, da die Gesamtschule die einzige Schulform in NRW ist, der in analytisch verwertbarem Umfang Zeugnisse mit allen Schulformempfehlungen vorgelegt werden.
„Die Spannen der Durchschnittsnoten zu den Empfehlungen sind überaus breit; selbst die Spannen der gemittelten Notenschnitte zeigen bemerkenswerte Überschneidungsbereiche“, heißt es in der Auswertung. So gebe es in NRW offenbar Schüler, die mit einem Kernfachschnitt von 2,7 oder 2,8 die Berechtigung zum Besuch des Gymnasiums zugesprochen bekommen. Gleichzeitig gebe es aber auch Schüler, die mit dem gleichen Schnitt aus Sicht der Grundschule ausschließlich für den Besuch einer Hauptschule geeignet sind.

„Wenig überraschend“ nennt der Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann diese Ergebnisse. Sie deckten sich mit seinen Forschungsergebnissen und denen der Pisa-Studien. Die „falsche“ Zuordnung der Viertklässler habe eine weit größere Bandbreite, da in die unten stehende Grafik Daten von Kindern eingegangen seien, deren Eltern ihr Kind ausdrücklich nicht im gegliederten Schulsystem unterrichtet wissen wollten. Gesamtschulempfehlungen seien ein höchst unsicheres Instrument, weil sich trotz gleicher Leistung der Schüler darin stark soziale Hintergründe der Eltern oder etwa die Geschlechtszugehörigkeit wiederfände. „Ein Arbeiterkind muss deutlich bessere Leistungen erbringen als eines aus der Mittelschicht“, sagt Tillmann.

Auf Grund der aktuellen Auseinandersetzung um die Neuordnung der Schullandschaft in Hamburg hat Tillmann weitere Auswertungen gemacht. „Wenn Kinder aus Arbeiterfamilien keine Gymnasialempfehlung haben, dann schicken sie ihr Kind auch nicht aufs Gymnasium“, sagt Tillmann. Akademikerfamilien wiederum wählten fast immer das Gymnasium für ihr Kind – auch ohne Empfehlung. „Die Hälfte von denen schafft dann auch das Abitur.“ In Hamburg habe das zu der „absurden Situation“ geführt, dass der Notendurchschnitt der Arbeiterkinder, die aufs Gymnasium gingen, drastisch höher sei als der der Mittelschichtskinder.

Für Susanne Thurn, Leiterin der Bielefelder Laborschule, ist klar: „Im Alter von zehn Jahren sind verlässliche Prognosen unmöglich. Selbst nach dem 6. Schuljahr erleben wir teilweise riesige Leistungssprünge – nach oben, aber auch nach unten“, sagt Thurn.

In diesem Jahr ist jeder vierte Viertklässler an einer Gesamtschule angemeldet worden. Von den 43.000 Anwärtern musste jedoch jeder dritte aus Platzmangel abgewiesen werden.

 

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