Gesamtschule ist schon lange Thema
Eine Gesamtschule in Espelkamp wird derzeit in der Politik heiß diskutiert. Dr. Horst Eller hat sich zu dieser Thematik ebenfalls seine Gedanken gemacht. Er schreibt:
Die öffentliche Diskussion und die Berichterstattung in der Presse konzentrieren sich mehr und mehr auf die Frage, ob eine - zusätzliche - Gesamtschule in Espelkamp errichtet werden sollte. Das ist verständlich, weil diese Frage schon lange in Espelkamp diskutiert wird und viele Eltern - wie anderen Orts auch - diesen Bildungsweg für ihre Kinder als den geeignetsten ansehen.
Weil sie hier kein Angebot finden, melden sie ihre Kinder in Schulen anderer Gemeinden an, werden dort aber immer häufiger abgewiesen . Es ist unverständlich, dass der Gutachter, der den Schulentwicklungsplan erarbeitet, nicht von sich aus darauf eingegangen ist. Es genügt auch nicht, jetzt anhand der geschätzten Zahlen eine solche Schulform infrage zu stellen. Hier ist eine inhaltliche Auseinandersetzung geboten.
Leider werden hier wie bei den Aussagen zu den Grundschulen anscheinend allein die gegebenen rechtlichen Regelungen und die wirtschaftlich beste Nutzung der vorhandenen Gebäude zur Grundlage für künftige Planungsentscheidungen gemacht.
So sollen die Ostlandschule und die Ina-Seidel-Schule aufgegeben und alle Grundschüler in der Ernst-Wiechert-Hauptschule konzentriert werden. Nicht erörtert wird, welche Folgen es hätte, wenn endlich angesichts des unerhörten Bedarfs an integrierendem Unterricht nicht nur für Behinderte, sondern gerade auch für die ständig steigende Zahl der »nicht Eingegliederten« die notwendigste Maßnahme getroffen und die Klassenstärken von jetzt 23,4 auf etwa 20 Schüler herabgesetzt würde.
Oder: wenn wie in anderen Ländern längst geschehen, die Kinder in den fünften und sechsten Klassen gemeinsam - und hier in den Grundschulen - weiter unterrichtet würden?
Was bedeutet es, wenn der integrative Unterricht behinderter Kinder und die intensivere Betreuung der Kinder mit Migrationshin-tergrund und der sozial Benachteiligten in den Grundschulen ausgebaut und dadurch nicht nur die Schülerzahlen erhöht, sondern auch der Bedarf an geeigneten Räumlichkeiten wachsen würde? »Offene Schule« und »Ganztags-schule« sind inhaltlich und mit ihren Konsequenzen für den Raumbedarf genauso wenig untersucht, erprobt und gesichert wie die Einbettung von Schule in die Jugendhilfe für Kleinkinder wie Heranwachsende.
Schon wird hinter vorgehaltener Hand von dem Verkauf von Schulgebäuden gesprochen, obwohl Musikschule und Volkshochschule nach der Veräußerung des Espelkamp-Hauses »heimatlos« geworden sind, andererseits für das Bildungsangebot in den Städten eine »kooperierende Schullandschaft« gefordert wird.
Wäre es nicht viel sinnvoller, die Grundschüler Wohnort nahe in ihren Grundschulen zu belassen? Sie sind für diese Nutzung errichtet, ausgebaut und ausgestattet worden. Das gilt ganz besonders für die Ina-Seidel-Schule, die gerade in letzter Zeit mit dem Ausbau für die Ganztagsbetreuung eine Abrundung für ihr hervorragendes Angebot an die Grundschulkinder erhalten hat.
Sollte die Ernst-Wiechert-Schule, die für die Hauptschüler gebaut worden ist, mit ihrem Angebot an Klassen- und Fachräumen und ihrer dafür bestimmten Ausstattung, nicht weiter für Heranwachsende dieser Altersstufe genutzt werden? Könnte hier nicht die von den einen geforderte Gesamtschule Schritt für Schritt aufgebaut werden?
Oder läge es nicht nahe, wenn die Evangelische Kirche von Westfalen in Zusammenarbeit mit der Stadt Espelkamp hier alle Schüler der fünften Jahrgänge, deren Eltern dies wünschen, in einer Gemeinschaftsschule einschulen und so schrittweise eine integrierte Schule neben der städtischen Hauptschule Waldschule anbieten würde? Die Evangelische Kirche von Westfalen ist selbst schon lange Träger einer erfolgreich arbeitenden Gesamtschule in Gelsenkirchen. In ihren offiziellen Verlautbarungen verlangt sie nachdrücklich, dass im Sinne der Chancen- und Bildungsgerechtigkeit Kinder und Jugendliche länger gemeinsam unterrichtet werden sollten.
Hier, wo sie selbst Träger zweier weiterführender Schulen ist, hätte sie Gelegenheit, diese Forderungen zu verwirklichen und wäre nicht gezwungen, Schüler abzuweisen. Drängt es sich nicht geradezu auf, etwa zum Aufbau einer solchen Schulform das Gebäude der Ernst-Wiechert-Schule zu nützen? Müsste nicht auch gefragt werden, ob gerade bei dieser Trägerschaft und bei dem Vorhandensein zweier großer diakonischer Einrichtungen in unserem Raum neben einem sportlichen Schwerpunkt auch ein diakonischer Schwerpunkt denkbar wäre? Müsste sich in diesem Zusammenhang nicht auch die Frage nach einer verstärkten Zusammenarbeit mit dem Ludwig-Steil-Hof, seinem schulischen und seinem Ausbildungsangebot aufdrängen und gefragt werden, wie die Chancen der Internatsunterbringung genutzt werden könnten?
Werden durch solche Angebote die Bildungsreserven stärker genutzt, wird dies Folgen haben für den Bereich des berufsbildenden Schulwesens. Es lohnt sich, auch den Blick auf die benachbarte Schule des Kreises Minden-Lübbecke zu richten und auch die Auswirkungen auf das hervorragende neue Angebot des dualen Studiums zu bedenken.
Anders als dies bisher anscheinend geschehen ist, muss die Schuleentwicklungsplanung als ein prozessualer Vorgang gesehen werden, an dem nicht nur die Kommunen und ihre Ausschüsse, die Schulen als Organisationen und ihre Schulträger teilhaben, sondern auch alle am Schulleben Beteiligte mitwirken müssen. Es ist richtig, dass die Schulträger die Verantwortung für ihre Schulen tragen. Sie tragen sie aber nicht als Selbstzweck, sondern um den ihnen anvertrauten Menschen eine bestmögliche Bildung zu gewähren. Dazu gehört, dass auf der Grundlage der gegebenen Möglichkeiten zukünftige Entwicklungen bedacht und alle Chancen für die jungen Menschen genutzt werden. Geschieht dies, wird damit auch das Bestmögliche für das Gemeinwesen getan.
DR. HORST ELLER